Wir ziehen digital um!

Ab sofort gibts Informationen, Materialien und anderes Schönes hier:
Fuck off Fritz

Vor einigen Wochen gründete sich das Bündnis „Fuck off Fritz“.

Hintergrund war die zu erwartende und jetzt eingetretene Totalität des Spektakels um den Geburtstag eines absolutistischen Monarchen, deren Sinn darin besteht, den in der Moderne orientierungslos umherirrenden Menschen eine Identifikationsfläche zu schaffen und TouristInnen nach Potsdam zu locken.

Das Handeln und Wirken des Fritz soll in einen emanzipatorischen Kontext gestellt werden. Dagegen wollen wir mit unseren Veranstaltungen und Aktionen die „preußischen Tugenden“ als das entlarven was sie sind: autoritärer Gesellschaftskitt, der den Grundstein für den deutschen Sonderweg legte und bekanntermaßen im NS mündete. Weiterhin soll aufgezeigt werden, wie die jeweilige Machtelite (seien es Nationalsozialisten, die realexistierenden Sozialisten in der DDR als auch aufrechte Demokraten im wiedervereinigten Deutschland) versucht, die Geschichte für ihre Zwecke umzuschreiben.

Gelebte Toleranz zum Friedrich-Geburtstag

Am 24. Januar 2012 fanden sich mehrere Aktivist_innen im Park Sanssouci ein, um die Feierlichkeiten zum 300jährigen Geburtstag des Despoten Friedrich II. kritisch zu begleiten. Als die Ersten gegen 8.50 Uhr die Kranzniederlegung führender Brandenburger und Potsdamer Politiker mit einer satirischen Aktion untermalen wollten, wurden sie sofort durch das riesige Aufgebot von Polizei, LKA-Beamten und des Sicherheitsdienstes der Schlösserstiftung des Platzes verwiesen. Sie wurden von der Veranstaltung geschubst und erhielten für den Park Aufenthaltsverbote. Einer Person wurde der Rucksack mit zwei Tetrapaks Milch wegen angeblicher „Sicherheitsgefährdung“ für die Länge seiner Teilnahme an der Veranstaltung abgenommen.

Als gegen 11 Uhr die langen Kerls, eine Abteilung alter Herren von Burschenschaften und Heimatverbänden in den Park einmarschierten, um ihrem König zu huldigen, versuchten Aktivist_innen Transparente zu zeigen und mit Musik gegen den preußischen Taumel zu demonstrieren. Dauraufhin griffen mehrere Teilnehmer des Aufzuges die Demonstrant_innen mit Fahnenstöcken an, zogen ihnen an den Haaren, nahmen Menschen in den Schwitzkasten und versuchten so den friedlichen Protest zu verhindern. Mit Beschimpfungen à la „Ihr seid doch alle krank“, „Sozialschmarotzer“ und Bedrohungen wie „Man sieht sich immer zweimal im Leben“ pöbelte der Mob der „toleranten“ Preußenfans. Ebenso wurden Teile der Musikanlage geklaut. Danach verteilte die Polizei auf Anweisung der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten großzügig Platzverweise für den Park und es wurde eine Anzeige gegen eine Preußenkritikerin wegen angeblichen Diebstahls aufgenommen. Wieder einmal zeigte sich, dass es im sogenannten Friedrich-Jahr nicht um eine reflektierte Auseinandersetzung mit Geschichte geht, sondern um die heroisierende Darstellung Friedrich II. als Mustermonarchen, bekannten Aufklärer und Menschenfreund.

So sieht sie aus, die gelebte preußische Toleranz!

Menschen, die eine Auseinandersetzung mit Geschichte einfordern und versuchen auch andere Aspekte des Lebens Friedrich II. zu beleuchten, werden angegriffen und versucht, mundtot zu machen. Doch wir lassen uns nicht einschüchtern und werden das Preußenspektakel weiter kritisch begleiten. Wir haben kein Verständnis, dass in einer bürgerlichen Demokratie einem Monarchen gehuldigt wird, die Toten der Kriege Preußens vergessen und die Geschichte Preußens von allen Gräueln reingewaschen werden.

In diesem Sinne: Preußen bleibt Scheisse! Fuck off Fritz!

„Happy Birthday Fritz“ – eine Absage nach der Anderen

Los ging das Preußen-Tantam mit dem typischen Veranstaltungsmarathon, welcher am 24. Januar 2012, dem 300. Geburtstag des Königs Friedrich II., seinen Höhepunkt erreichen soll. Hierzu wird es am Abend in der „historischen Innenstadt“ einen Festakt nach dem anderen geben. Neben dem üblichen Preußenkitsch versuchten die VeranstalterInnen dem sogenannten „Toleranzgedanken“ gerecht zu werden und einige moderne, alternative Künstlerinnen und Künstler einzuladen.

Nach dem ersten Schrecken über das Programm mit u.a. Dota Kehr (Kleingeldprinzessin) und Brezel Göring (Stereo Total) schrieb das sich in der Gründung befindende Bündnis einen Offenen Brief (im Anhang) an eben jene. Erleichtert nahm das Bündnis die Antworten und Website-Statements auf: Dota Kehr: „… Als ich zusagte, hat mich nur ein Veranstalter gefragt, ob ich am 24. Januar in Potsdam spielen würde. Als ich dann erfuhr, dass es um eine Veranstaltung in Zusammenhang mit Friedrich geht, hab ich gleich wieder abgesagt.“ und „ICH SPIELE NICHT (!!!) IN POTSDAM. und auch sonst nicht für Despoten (…) und sowieso nicht zu Ehren von jemand, der mehrere Kriege an gefangen hat!“

„Hallo, ich bin Brezel Göring. Ich bin am 24. sowieso nicht mit dabei. Grüße, Brezel“

Lara Werner vom Bündnis „Fuck off Fritz“ kommentiert die Absagen folgendermaßen: „Ich bin froh, dass Dota und Brezel Rückgrat bewiesen haben und ihre Teilnahme an der Veranstaltung abgesagt haben. Es tut gut zu wissen, dass wir mit unserer Ablehnung des Preußenquatsches nicht so allein sind, wie es hier in Potsdam oft den Anschein hat.“

Zwei Punkte sind bei dieser Geschichte besonders zu betonen. Zum einen das provinzielle Theater um einen König, der heute wegen Verbrechen an der Menschlichkeit vor dem Haager Kriegsverbrechertribunal stehen würde. Fast alle relevanten gesellschaftlichen Akteure stört dieser Umstand überhaupt nicht. Das Spektakel muss weitergehen. Glücklicherweise wird außerhalb Potsdams die preußische Geschichte in einem größeren Kontext gesehen und so werden wir am 24. Januar nur staatlich bezahlte Akteure und kuriose Akteure wie Michael Gebühr erleben. Dieser ist der Sohn des „bekannten“ Otto Gebühr, welcher von 1920-1942 als Schauspieler 15mal Friedrich II. verkörperte. Also keine Berührungsängste mit den grausamsten und unmenschlichsten Verbrechern der Weltgeschichte hatte. Fast schon traditionell räumt das Filmmuseum Potsdam diesem Nazi, seiner Geschichte und den Anekdoten seines Sohnes einen großen Raum in der aktuellen Sonderausstellung ein.

Zum anderen spricht das Vorgehen der OrganisatorInnen der „Festakte“ Bände. Statt deutlich klar zu stellen, in welchem Kontext prominente, linke KünstlerInnen auftreten sollen, wird verschämt eine Veranstaltungsanfrage gestellt. Hier scheint ein Bewusstsein für die tatsächliche Sichtweise auf Friedrich II. außerhalb Brandenburgs vorhanden zu sein. Für uns ist klar, dass diese Erkenntnisse am 24. Januar nicht ausgesprochen werden und Potsdam wieder mal in seinem „Preußisch Disneyland“-Spektakel versinkt. Nicht für Potsdam, sondern für eine Gesellschaft mit klarem Bewusstsein und für ein lebenswerteres Dasein für alle werden wir dies nicht stillschweigend ertragen.

Bündnis „Fuck off Fritz“